Projektskizze

STRUKTURWANDEL DES PRIVATEN – PROJEKTSKIZZE

Das Private erscheint im öffentlichen Diskurs gegenwärtig im Wesentlichen als bedrohte Sphäre: Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen in der Informationstechnologie ist die Aufmerksamkeit auf die zunehmende Gefährdung und Schutzbedürftigkeit Persönlicher Lebensdaten und Kommunikationsvorgänge gerichtet. „Privacy“/Privatheit wird in immer mehr Ländern zum Gegenstand von Richtlinien, Gesetzen oder Verfassungsartikeln. Dem erhöhten Schutzbedarf Rechnung zu tragen kommt zunächst vor allem Gerichten zu, es mangelt jedoch an einer adäquaten theoretischen Grundlegung, die als Leitlinie für politisches Handeln, pädagogische Initiativen und juristische Entscheidungen dienen könnte. Grenzen und Wert des Privaten sind historisch und kulturell bedingt und durch technische Entwicklungen beeinflusst. Gegenwärtig steht in Frage, wie sich Struktur und Verständnis des Privaten im digitalen Zeitalter wandeln.

Ziel des Projekts ist es, vier zentrale Disziplinen, die mit der Reflexion um Bedeutung, Wert und Grenzen des Privaten befasst sind – die Politikwissenschaft, die Rechtswissenschaft, die Informatik und die Kommunikationswissenschaft – zusammenzuführen. Da die fachwissenschaftlichen Diskussionen bislang nur wenig vernetzt sind, besteht das verbindende Interesse darin, gemeinsame Problemlagen und Fragestellungen aufzuspüren, aufeinander zu beziehen und Handlungsperspektiven zu entwickeln. Aus den fachspezifischen Diskursen ergeben sich eine Reihe von Parallelen, die wir für unsere Hypothesenbildung nutzen: Der „Gefährdungsdiskurs“, der einen Wert des Privaten unterstellt und gleichzeitig eine konzeptionelle Neubestimmung nahelegt, die zunehmende Verschränkung rechts- und kommunikationswissenschaftlicher sowie informationstechnischer und politikwissenschaftlicher Diskurse um Privatheit sowie die Frage nach den Leistungen des Privaten für Gesellschaft, ihre Individuen und Staat unter den Bedingungen der Demokratie. Ein wesentlicher Impuls für den Strukturwandel des Privaten geht von den technischen Innovationen der Digitalisierung aus. In Frage steht, was private und öffentliche Kommunikationsräume in diesem Zusammenhang unterscheidet, und ob die Nutzer diese Grenzen zunehmend selbst bestimmen können. Die Informationsgesellschaft scheint durch widersprüchliche Ansprüche gekennzeichnet: Auf der einen Seite steht ein gesteigertes Bedürfnis nach Transparenz und freiem Fluss von Informationen. Auf der anderen Seite steht die Sorge um unkontrollierte Weitergabe, der Wunsch Persönliches zu verbergen und eine neuartige Garantie von Privatheit einzufordern.

Die an dem Projekt beteiligten Einzelwissenschaften sind durch drei Kooperationsfelder miteinanderverzahnt: Kooperationsfeld I: Privatheit und Freiheit, Kooperationsfeld II: Privatheit und Demokratie, Kooperationsfeld III: Privatheit und Informationsgesellschaft. In den jeweiligen disziplinären Teilprojekten sollen zunächst in rekonstruktiver Hinsicht Verständnis und normativer Wert des Privaten aus politikwissenschaftlicher, juristischer und informationstechnischer Perspektive überprüft und neu bestimmt werden, um sodann in konstruktiver Absicht das Bedingungsverhältnis zwischen Privatheit, Freiheit und Demokratie zu erhellen. Schließlich geht es darum, zu handlungspraktischen Perspektiven vorzudringen, die im digitalen Zeitalter vor der Herausforderung stehen, zwischen berechtigten Ansprüchen auf freie Information und Transparenz und individuellen Rechten auf Privatheit zu vermitteln.

Projektkoordinatoren:

Prof. Dr. Sandra Seubert (Politikwissenschaft/ Goethe Universität Frankfurt), Sprecherin

Prof. Dr. Rüdiger Grimm (Informatik / Universität Koblenz-Landau)

Prof. Dr. Christoph Gusy (Rechtswissenschaft / Universität Bielefeld)

Prof. Dr. Sabine Trepte (Kommunikationswissenschaft/ Universität Hohenheim)