Ergebnisse

In dem Projekt „Strukturwandel des Privaten“ wurden politik-, rechts-, kommunikationswissenschaftliche und informatische Perspektiven zusammenzugeführt, um das Bedingungsverhältnis zwischen Privatheit, Freiheit und Demokratie im Zusammenwirken mit informationstechnischen Entwicklungen zu erhellen.

Die Teilprojekte haben drei Stadien durchlaufen: das Stadium der Rekonstruktion, der Konstruktion und der Handlungsorientierung. Die interdisziplinäre Verzahnung im Projekt verlief entlang von drei Kooperationsfeldern: 1. Privatheit und Freiheit, 2. Privatheit und Demokratie, 3. Privatheit und Informationsgesellschaft, die jeweils von einer Jahreskonferenz begleitet wurden.

Inhaltlich sind wir davon ausgegangen, dass das digitale Zeitalter von widersprüchlichen Anforderungen gekennzeichnet ist – auf der einen Seite einem gesteigerten Bedürfnis nach Transparenz und freiem Fluss von Informationen, auf der anderen Seite der Sorge um unkontrollierte Weitergabe personenbezogener Daten –, die eine konzeptuelle Neubestimmung des Wertes des Privaten verlangen. Eine konzeptionelle Neubestimmung haben wir entlang dreier Pfade erarbeitet:

pexels-photo-175729

1. Vom individualistischen zum sozialen Verständnis von Freiheit

Das traditionell liberale Privatheitsverständnis beruht weitgehend auf einem negativen Freiheitsverständnis, das die Abwehr von Eingriffen in den Vordergrund stellt. Ein soziales Freiheitsverständnis hingegen nimmt auch die Abhängigkeit von und Auswirkungen auf gesellschaftliche Verwirklichungsbedingungen in den Blick. Für das Privatheitsverständnis folgt daraus, dass der Fokus sich auf autonomieermöglichende bzw. -erzeugende soziale Kontexte und Interaktionen erweitert. Ein verändertes Freiheitsverständnis ermöglicht, Privatheit, Freiheit und Demokratie nicht nur als Konkurrenz-, sondern auch als Bedingungsverhältnis zu erfassen.

In der Umsetzung bedeutet das, dass Bürger und Bürgerinnen, um Transparenz- und Informationsansprüche ausüben und ihre demokratischen Rechte wahrnehmen zu können, von steigenden Anforderungen an Selbstdatenschutz durch einen infrastrukturell organisierten und verantworteten Systemdatenschutz entlastet werden müssen. Individuelle Schutzmechanismen müssen ihrerseits systemisch kompatibel sein.

pexels-photo-618548.jpeg

2. Vom „Recht, allein gelassen zu werden“, zum Recht auf geschützte Kommunikationsräume

Im Gegensatz zu einem Anspruch auf Abgeschiedenheit wird Privatheit als soziale und kommunikative Handlungsfreiheit verstanden. Sie setzt das Mitwirken Anderer voraus und bedingt dieses zugleich. Privatheit bedeutet, selbst über den Grad der eigenen Vergesellschaftung entscheiden zu können. Das Internet als „globale Kommunikationsinfrastruktur“ macht die soziale Dimension des Privaten besonders deutlich. Vergesellschaftung findet auch in digitalen Kommunikationsräumen statt. Wie unsere Studien im Vorgängerprojekt deutlich machen, haben Bürger und Bürgerinnen ein großes Bedürfnis nach Teilhabe und generieren mithilfe sozialer Medien zunehmend Sozialkapital.

Das Internet ist längst über eine bloß technische Infrastruktur hinausgewachsen. Die Modalitäten elektronischer Kommunikation formulieren die Bedingungen der Privatheit im Internet. Der Schutz von (digitalen) Kommunikationsräumen ist von gesellschaftlicher Bedeutung, insofern er einen Pluralismus sozialer Handlungssphären garantiert, aus denen heraus Individuen und Gruppen politische Handlungsfähigkeit gewinnen. Geschützte „private“ Kommunikationsräume sind Ermöglichungsbedingungen politischer Partizipation und Schutzschild gegen Beherrschung. Darin liegt der gesellschaftliche und demokratische Wert des Privaten.

hands-people-woman-meeting

3. Von der Zugangskontrolle zum „social boundary-process“

Privatheit wurde lange unter dem Paradigma der (Zugangs-)Kontrolle konzeptualisiert. Kontrolle über den Zugang zu Räumen, Informationen oder Entscheidungen zu haben, scheint dem Wert individueller Selbstbestimmung, der dem Privaten zugrunde liegt, am ehesten zu entsprechen. Unter Bedingungen digitaler Kommunikation wird dieses Paradigma jedoch radikal herausgefordert, denn im Zuge digitaler Kommunikation werden Informationen gesammelt, kopiert, analysiert, gespeichert und weitergeleitet. Personen sind zunehmend gefordert, kommunikativ den Umgang mit ihren Daten untereinander und auch mit Institutionen auszuhandeln.

An die Stelle von Kontrolle tritt ein sozialer und gesellschaftlicher Grenzziehungsprozess. Das neu entstehende Paradigma muss individuelle Selbstbestimmung mit veränderten sozialen technischen Kontextbedingungen vermitteln. Kontrollverlust lässt sich weder allein durch staatliche Regulierung noch durch Maßnahmen zur Förderung von Selbstschutzfähigkeit („privacy literacy“) ausgleichen, sondern ist technisch und organisatorisch auf Systemdatenschutz angewiesen. Zwischen Privatpersonen und Institutionen sind neue Regeln auszuhandeln – erste Schritte, wie diese aussehen können, wurden erarbeitet.

Advertisements